„Du musst über meine Arbeiten reden und schreiben...“ wünschte sich mein Mann, der Düsseldorfer Künstler Ingolf Timpner (1963 – 2018) von mir.
Wir erkannten uns 1995 und bis 2018 hatte ich das Glück, an der Seite dieses ungeheuer fein-und tiefsinnigen, gleichermaßen zurückhaltenden wie sehr präsenten Künstler-Menschen leben zu können. Das ganze Leben von Ingolf Timpner fand in der Kunst statt. Dass er für 23 Jahre mein Lebensmensch werden würde, erkannte ich bei unserem ersten privaten Treffen in seinem Atelier, damals in der noch längst nicht gentrifizierten Ackerstraße, an seinen Arbeiten. Er zeigte mir im Februar 1995 seine puren, äußerst konzentrierten Stillleben und Frauenbildnisse, die mich in ihrer ernsten Präsenz, in ihrem völligen Fehlen jeglicher Gefallsucht bzw. Gefälligkeit sehr beeindruckten. Diese Frauen waren ganz bei sich selbst. Sie erfüllten in den durchweg inszenierten Arbeiten von Ingolf keinerlei Erwartung. Ich erinnere mich, als ob es gestern gewesen wäre: Dieser Mann ist gut zu Frauen dachte ich mir und dieser tiefe Ernst, der behutsame Blick, die eigenartig fehlende „Zeitgemäße“, verbunden mit seiner Feinsinnigkeit in der Konversation über Kunst und Haltung zum Leben, ließen mich hoffen, dass dieser mein Mann werden möge. So kam es auch und es sollte so und nicht anders sein.
Aber: schon sehr, sehr früh erkannte ich intuitiv, dass Ingolf Timpner nicht wirklich alt werden würde. Er würde früh sterben, wenngleich ich damals immerhin von einem geschätzten Alter von 65 Jahren ausging. Mir war klar, dass die Anforderungen der Grobheiten der banalen Welt diesen Mann verschleißen würden wie ein Schmirgelpapier, dass einer Substanz kontinuierlich ihrer Stärke beraubt. Damals, 1995, verschätzte ich mich um 10 Jahre.
2018, in dem Jahr, in dem er starb, verschätzte ich mich nur noch um wenige Monate. Seit 2016 wurde in seiner Kunst und in der unmittelbaren Begegnung mit ihm unübersehbar, dass die Uhr der Lebenszeit lauter zu ticken begann. Bis zuletzt arbeitete er unermüdlich an seinem Werk und beklagte sich, dass ihm für die vielen Ideen, die er umsetzen wolle, die Zeit fehle. Er war nicht krank. In keiner Weise. Seine Zeit war abgelaufen. Am 17.08.2018 blieb diese Uhr stehen.
Der Auftrag:
Nur wenige Tage vor seinem Versterben-Müssen, welches er durch einen präzise vorbereiteten Sprung von der Ruhrtalbrücke aktiv angenommen hatte, sagte ich ihm, ich würde seine Arbeiten längst nicht mehr wortreich kommentieren, da sie durch mich hindurchflössen wie die Luft, die man atme. Er bat mich, sein Werk zu kommentieren, es aufzuschlüsseln, zu vermitteln, denn wenngleich Arbeiten von Ingolf Timpner in einigen bedeutenden musealen und privaten Sammlungen vertreten sind, so gibt es doch noch reichlich zu tun, um das Werk dieses subtilen Künstlers einer sehr viel breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen.
Vor allem aber geht es darum, das Werk in jene drei Schichten aufzuschlüsseln, die sich erst bei näherer Beschäftigung offenbaren. Auf dem ersten Blick dominiert das Vanitas-Motiv. Ingolf Timpners Arbeiten sind von einer unglaublichen Stille, die man aushalten muss. Man muss sich darauf einlassen, nicht abgelenkt, nicht kurzweilig unterhalten zu werden, auch wenn es durchaus etliche Arbeiten mit hintersinnigem Humor gibt. Aber dieser Humor ist nie laut, nie albern, nie obszön. Die tiefere Schicht dieses Werkes ist die Wesens-Beschaffenheit aller Dinge. Ingolf Timpner nähert sich jedem fotografierten Objekt mit derselben Hingabe und Aufmerksamkeit. Eine tote Maus auf einem Stillleben, ein zerpflückter Radicchio ist ihm nicht minder wichtig als eines seiner Modelle. Aber die tiefste Schicht seiner Arbeiten ist eine absolut unkonditionale Liebe. Fairer Weise muss man zugeben, dass sich diese Schicht überhaupt erst mit seinem Versterben offenbart hat. Ingolf Timpner ging für seine Kunst und das, was er uns mit seiner Aufforderung des „Schau!“ zeigen wollte, auf’s Ganze.
Und daher gab es nur einen Weg: die Gründung der ITNS Nachlassverwaltung.
Ursprünglich angetreten, sich nur mit dem Werk von Ingolf Timpner zu befassen, ist daraus in den letzten Jahren ein lebendiger Kunst-Salon entstanden. Und so soll es sein.
Jeder Künstler hat das Anrecht auf eine Kommunikation mit den Mitteln der Kunst mit anderen Künstlern. Mir ist gerade die Offenheit wichtig, um sich immer wieder neu und kritisch dem Werk von Ingolf Timpner widmen zu können und auch wenn er seinen Freundeskreis lebendig nicht mehr selbst erweitern kann, so dann das in der Sprache seiner Kunst und durch das Format eines Kunst-Salons sehr gut gelingen.
Darüber hinaus geht es um die Archivierung, kunsthistorische und auch kunstphilosophische Einordung des Werkes von Ingolf Timpner, um Ausstellungs-Kuration und Publikationen, sowie die Aufbereitung für den Eingang in öffentliche und private Sammlungen.
Jetzt, 8 Jahre später, zeigt sich, dass wir den Sprung von Ingolf Timpner vergleichen können mit einem Stein, der- mit Vehemenz ins Wasser geworfen- immer breitere kreisförmige Wellen zieht, die sich ausbreiten. So soll es sein und dieses Wellenspiel ist ganz im Sinne des Künstlers.
Die ITNS Nachlassverwaltung hat mehrere Säulen:
· Mehrmals jährlich Salon-Ausstellungen (Private Reviews/ Private Previews)
· Regelmäßige Newsletter
· monatliche Einzelwerkbetrachtungen zu Ingolf Timpner
· Kuratorische Tätigkeit
· Publizistische Tätigkeit (ITNS Verlag)
In der Kunst sind im Übrigen Wahlverwandtschaften auch unter Verstorbenen mühelos möglich: von der großartigen Vivien Westwood (1941 2022) stammt das wundervolle Statement: „My manifesto is about culture and is against consumerism.“